Wenn ein Pferd nach kurzer Arbeit plötzlich steif wird, stark schwitzt oder sich kaum noch vorwärtsbewegen möchte, steckt nicht immer ein Trainingsproblem dahinter. Die Polysaccharid-Speichermyopathie, kurz PSSM, kann den Energiestoffwechsel der Muskulatur empfindlich stören und kreuzschlagähnliche Beschwerden auslösen. Ich zeige, woran ich PSSM beim Pferd erkenne, wie die Diagnose abgesichert wird und welche Rolle Fütterung, Bewegung und Haltung im Alltag spielen.
Die wichtigsten Stellschrauben für ein belastbares Pferd mit PSSM
- Akuter Schub bedeutet Trainingsabbruch und sofortige tierärztliche Abklärung.
- PSSM1 lässt sich über die GYS1-Mutation per Gentest nachweisen.
- PSSM2 ist kein einheitlich gesicherter Gentest-Befund und muss besonders sorgfältig eingeordnet werden.
- Eine zucker- und stärkearme Ration bildet meist die Grundlage des Managements.
- Regelmäßige Bewegung ist ebenso wichtig wie das passende Futter.
- Mit konsequentem Management können viele betroffene Pferde weiterhin normal geritten werden.

Was PSSM im Muskel verändert
PSSM steht für Polysaccharide Storage Myopathy, auf Deutsch Polysaccharid-Speichermyopathie. Dabei wird Energie in Form von Glykogen, einem gespeicherten Mehrfachzucker, in den Muskelzellen nicht richtig verarbeitet oder in auffälliger Form eingelagert. Die Muskulatur kann darauf mit Schmerzen, Steifheit und einer gestörten Energieversorgung reagieren.
Besonders bekannt ist PSSM Typ 1. Ursache ist eine Mutation im GYS1-Gen, das an der Glykogenbildung beteiligt ist. Betroffen sind unter anderem Quarter Horses, Paint Horses, Appaloosas und verschiedene Kaltblutrassen. Die Mutation kann jedoch auch bei Haflingern, Freibergern und Warmblutpferden vorkommen.
Ein positiver Gentest bedeutet allerdings nicht automatisch, dass ein Pferd krank ist. Manche Träger bleiben symptomfrei, während andere unter ungünstiger Fütterung, Trainingspausen oder hoher Belastung Beschwerden entwickeln. Entscheidend ist deshalb immer das Zusammenspiel aus Testergebnis, Krankheitsgeschichte und klinischen Befunden.
Der Begriff PSSM Typ 2 wird deutlich uneinheitlicher verwendet. Er beschreibt keine einzelne, durch einen allgemein anerkannten Gentest sicher nachweisbare Erkrankung. Auch Bezeichnungen wie MIM, also myofibrilläre Myopathie, werden teilweise in diesem Umfeld genannt. Kommerzielle Haar- oder Gentests können deshalb eine tierärztliche Diagnostik nicht ersetzen.
Diese Anzeichen sprechen für ein Muskelproblem
Die ersten Hinweise sind oft unspektakulär. Das Pferd läuft unter dem Sattel widerwillig an, fühlt sich fest an oder verliert ohne klaren Grund an Leistungsbereitschaft. Ich würde solche Veränderungen nicht vorschnell als Ungehorsam oder mangelnde Motivation abtun, besonders wenn sie nach Futterwechseln, Weidegang oder einigen Tagen Pause auftreten.
| Beobachtung | Mögliche Bedeutung | Was zu tun ist |
|---|---|---|
| Steifer Rücken oder harte Kruppenmuskulatur | Schmerzhafte Muskelreaktion | Arbeit abbrechen und Verlauf beobachten |
| Kurze Schritte, Taktfehler oder Bewegungsunlust | Muskel- oder Bewegungsapparat belastet | Tierärztliche Untersuchung veranlassen |
| Muskelzittern und starkes Schwitzen | Akute Überforderung oder Muskelschaden | Sofort nicht weiterreiten und Tierarzt kontaktieren |
| Dunkelroter oder brauner Urin | Mögliche Ausscheidung von Muskelzerfallsprodukten | Dringender Notfall |
| Festliegen oder starke Bewegungsverweigerung | Schwerer akuter Schub | Pferd ruhig halten und sofort tierärztliche Hilfe holen |
Bei einem akuten Schub sollte das Pferd nicht weiterbewegt werden. Ich lasse es ruhig stehen, verhindere unnötige Aufregung und rufe den Tierarzt. Auch kräftiges Massieren, erzwungenes Führen oder ein Transport ohne Rücksprache können die Situation verschärfen.
Die gleichen Symptome können auch durch andere Ursachen entstehen, etwa wiederkehrenden Kreuzschlag, Lahmheit, Rückenprobleme, Magenerkrankungen oder Stoffwechselstörungen. Genau deshalb ist eine Selbstdiagnose über einzelne Symptome riskant.
So wird die Diagnose abgesichert
Am Anfang stehen eine genaue Vorgeschichte und eine gründliche Untersuchung. Wichtig sind Angaben zu Rasse, Alter, Trainingspausen, Fütterung, Weidegang, Zeitpunkt der Beschwerden und möglichen früheren Kreuzschlagereignissen. Ein kleines Trainingstagebuch kann dabei erstaunlich hilfreich sein.
Bei einem akuten Muskelschaden werden meist die Enzyme CK und AST im Blut untersucht. Erhöhte Werte sprechen für eine Schädigung von Muskelzellen, beweisen aber weder PSSM1 noch PSSM2. CK steigt häufig schneller an, während AST länger verändert bleiben kann. Verlaufskontrollen helfen dem Tierarzt zu beurteilen, ob sich die Muskulatur erholt.
Für PSSM1 ist ein Gentest aus Haaren oder Blut verfügbar. Er untersucht gezielt die GYS1-Mutation. Ein solcher Test ist besonders sinnvoll bei gefährdeten Rassen, auffälliger Familiengeschichte oder wiederkehrenden kreuzschlagähnlichen Beschwerden.
Bei Verdacht auf eine andere Speicher- oder Strukturveränderung kann eine Muskelbiopsie erforderlich sein. Dabei wird eine kleine Muskelprobe entnommen und histologisch untersucht. Die Methode ist aufwendiger, liefert bei bestimmten Fragestellungen aber wesentlich belastbarere Informationen als ein nicht validierter Online-Gentest.
Ich würde vor einer endgültigen Einordnung außerdem andere Ursachen ausschließen lassen. Dazu können orthopädische Probleme, Insulinregulationsstörungen, Vitamin-E-Mangel, wiederkehrende Belastungsmyopathien und Fehler in der Trainingsplanung gehören. Ein Testergebnis allein erklärt nicht automatisch jede Form von Rittigkeitsproblem.
Welche Fütterung die Muskulatur entlasten kann
Das Grundprinzip lautet meist wenig Zucker und wenig Stärke. Getreide, melassereiche Müslis, süße Leckerli und stark zuckerhaltige Futtermittel können den Stoffwechsel ungünstig belasten. Bei einem leichtfuttrigen Pferd ist zusätzlich wichtig, Übergewicht zu vermeiden, ohne die notwendige Raufutterversorgung zu kürzen.
Die Ration sollte überwiegend aus geeignetem Raufutter bestehen. Als grobe Orientierung werden häufig mindestens 1,5 Prozent des Körpergewichts an Trockensubstanz pro Tag angesetzt, wobei Gewicht, Arbeit, Heuqualität und Gesundheitszustand berücksichtigt werden müssen. Bei einem 500 Kilogramm schweren Pferd entspricht das nicht einfach 7,5 Kilogramm Heu, weil der Wassergehalt des Futters eine Rolle spielt.
Heu sollte möglichst analysiert werden, denn der Zucker- und Stärkegehalt schwankt deutlich. Bei empfindlichen Pferden kann gewässertes Heu eine Möglichkeit sein, den Zuckergehalt zu senken. Wie lange das Heu gewässert werden muss und ob sich dadurch hygienische oder mineralische Nachteile ergeben, hängt von der Situation ab.
Statt weniger großer Mahlzeiten bevorzuge ich mehrere kleine Fressportionen und möglichst kurze Fresspausen. Eine dauerhafte Heuversorgung über engmaschige Netze kann sinnvoll sein, wenn das Pferd sonst zu schnell frisst. Gleichzeitig muss die Ration so berechnet werden, dass das Pferd nicht unbemerkt zunimmt.
Mineralfutter, Öl oder Vitamin E können im Einzelfall sinnvoll sein, sind aber kein pauschales Heilmittel. Besonders bei Selen ist eine unkontrollierte Ergänzung problematisch, weil sowohl ein Mangel als auch eine Überversorgung schaden kann. Ich lasse Ergänzungen deshalb an Heuanalyse, Grundration und Blutbefunde anpassen.
Auch die Weide darf nicht automatisch als unproblematisch gelten. Frisches Gras kann je nach Pflanzenbestand, Wetter und Wachstumsphase viel Zucker enthalten. Bei einem leichtfuttrigen oder bereits symptomatischen Pferd helfen eine begrenzte Weidezeit, ein geeigneter Weidemanagementplan und regelmäßige Gewichtskontrollen oft mehr als starre Regeln für eine bestimmte Tageszeit.
Warum regelmäßige Bewegung so viel ausmacht
Ein PSSM-Pferd profitiert meistens von gleichmäßiger, moderater Bewegung. Lange Stehzeiten mit anschließendem intensiven Training sind eine ungünstige Kombination. Ich plane lieber an den meisten Tagen eine verlässliche Aktivität ein, selbst wenn sie nur aus Schritt, lockerer Bodenarbeit oder freiem Auslauf besteht.
Nach einer Pause sollte der Wiedereinstieg langsam erfolgen. Ein ruhiger Schrittbeginn von etwa 10 bis 15 Minuten gibt dem Pferd Zeit, Kreislauf und Muskulatur hochzufahren. Erst danach steigere ich Dauer, Tempo und Versammlungsgrad, wobei jede Veränderung mehrere Tage beobachtet werden sollte.
- Nach einem Ruhetag zunächst locker im Schritt bewegen und nicht sofort intensiv arbeiten.
- Vor dem Training ausreichend lange aufwärmen und abrupte Sprints vermeiden.
- Bei Steifheit, Zittern oder ungewöhnlichem Schwitzen sofort abbrechen.
- Im Alltag möglichst viel ruhigen Auslauf und wenig unnötigen Stallstress ermöglichen.
- Nach einem akuten Schub erst nach tierärztlicher Freigabe wieder trainieren.
Das passende Pensum hängt stark vom Pferd ab. Manche Tiere kommen mit lockerem Ausdauertraining gut zurecht, andere reagieren bereits auf kurze Belastungen. Ein fester Trainingsplan ist deshalb nur der Rahmen. Die tägliche Beobachtung von Bewegungsfreude, Muskeltonus und Erholungszeit entscheidet, ob er angepasst werden muss.
Haltung und Fütterung greifen dabei ineinander. Ein Pferd, das viele Stunden ruhig auf einem Paddock steht, braucht einen anderen Bewegungsaufbau als ein Tier mit großzügigem Auslauf. Regelmäßigkeit ist aus meiner Sicht oft wirksamer als einzelne besonders intensive Trainingseinheiten.
Was die Diagnose für Reitbarkeit und Zucht bedeutet
PSSM ist derzeit nicht heilbar, aber häufig gut kontrollierbar. Wenn Fütterung, Bewegung und Körpergewicht konsequent angepasst werden, können viele Pferde weiterhin als Reitpferde eingesetzt werden. Die Prognose hängt vom Typ, der Schwere bisheriger Schübe, weiteren Erkrankungen und der Zuverlässigkeit des Managements ab.
Für die Zucht muss PSSM1 besonders ernst genommen werden, weil die GYS1-Mutation vererbbar ist. Ein Pferd mit einer Kopie kann die Mutation weitergeben, während Tiere mit zwei Kopien je nach Rasse und genetischem Hintergrund stärker betroffen sein können. Zuchtentscheidungen sollten deshalb mit einem Zuchtverband und einem auf Pferdemedizin spezialisierten Tierarzt getroffen werden.
Bei PSSM2 ist Zurückhaltung angebracht. Ein angeblich positiver Test sollte weder allein über den Zuchteinsatz noch über eine Ankaufsuntersuchung entscheiden. Aussagekräftiger sind eine nachvollziehbare Krankengeschichte, klinische Befunde und bei begründetem Verdacht eine geeignete Untersuchung in einer Pferdeklinik.
Ein klarer Plan verhindert die meisten Fehlentscheidungen
Bei einem verdächtigen Pferd würde ich zuerst drei Dinge dokumentieren: Futter und Weidegang, Bewegungsumfang sowie konkrete Symptome mit Zeitpunkt und Dauer. Treten starke Muskelverhärtung, Zittern, ungewöhnliches Schwitzen oder dunkler Urin auf, gehört das Pferd sofort in tierärztliche Hände.
Für den langfristigen Alltag zählen keine spektakulären Einzelmaßnahmen, sondern eine passende Ration, tägliche Bewegung und genaue Beobachtung. Wer diese drei Bereiche gemeinsam mit dem Tierarzt und gegebenenfalls einer unabhängigen Fütterungsberatung plant, schafft die besten Voraussetzungen dafür, dass ein Pferd mit PSSM aktiv, schmerzarm und zuverlässig leben kann.